Nun glaube ich nicht, dass ich dazu imstande wäre, im beruflichen Bereich etwas Aussergewöhnliches zu leisten. Ich habe einen der unauffälligsten Berufe, die es überhaupt gibt: Ich bin Sekretärin. Ich verfüge nicht über besondere Begabungen, bin sportlich ziemlich ungeschickt, meine Kochkünste sind mittelmässig, und meine Versuche, Topfpflanzen zu Wachstum und Blüte zu bringen, sind regelmässig gescheitert. Ist es notwendig anzumerken, dass auch mein Äusseres in keiner Weise Aufmerksamkeit erregt? Ich bin mittelgross, nicht so schlank, wie ich möchte, in mein stumpfbraunes Haar haben sich graue Haare gemischt, was ich eine Weile lang – ohne überzeugendes Ergebnis – mit einer selbst aufgelegten kastanienfarbenen Tönung zu kompensieren versuchte. Inzwischen ist es mir ganz gleichgültig. Meinen Ehrgeiz habe ich in andere Bahnen gelenkt.
Vor drei Jahren hat mich mein Mann verlassen. Nicht einmal wegen einer Jüngeren, nein, sie ist sogar ein Jahr älter als ich. Sonst weiss ich eigentlich nichts über sie, ich habe sie nie kennengelernt. Einmal sah ich sie, das ist alles. Aber ich beschloss, sie zu töten. Zunächst war es nur ein Gedanke, ein ohnmächtiger Wunsch, aber ganz langsam wandelte er sich zu einer Absicht, zu einem Plan.
Natürlich sah ich mich vor immensen Schwierigkeiten. Als erstes musste ich mich für eine Mordmethode entscheiden. Mich entscheiden – das klingt, als ob ich vor einer Auswahl gestanden hätte. Aber dem war ganz und gar nicht so. Es war eher eine Art Ausschlussverfahren. Erschiessen, das wäre eine elegante Methode gewesen, aber für mich völlig unerreichbar. Ich hatte nie in meinem Leben eine Schusswaffe in den Händen gehalten. Ich wusste vage, dass man eine Pistole oder einen Revolver (was war überhaupt der Unterschied zwischen den beiden Dingern?) entsichern muss vor dem Schiessen, und dass das präzise Zielen eine Kunst darstellt, die geübt werden muss. Ich erinnerte mich an die Filmversion eines meiner Lieblingskrimis, in dem die Heldin – nun ja, die Mörderin – in ihrem paillettenbesetzten Abendhandtäschchen eine zierliche Waffe mit sich führt, mit der sie dann die Kontrahentin sauber erledigt. Hübsch, aber das musste ich mir aus dem Kopf schlagen, wie ich bedauernd einsah. Die Frau zu erwürgen bzw. zu erdrosseln, (macht man das eine mit blossen Händen, das andere mit einem Hilfsmittel wie einem Seidenschal oder einer Nylonschnur?), lockte mich ebenfalls nicht. Eigentlich wollte ich sie lieber gar nicht anfassen. Und ich hatte die unbehagliche Vorstellung, wie ich da zudrücken und zudrücken würde, und sie würde einfach nicht sterben – mich womöglich vorwurfsvoll anschauen aus hervorquellenden Augen. Nein, das kam nicht in Frage. Auch Erstechen und Vergiften schieden aus.
Schliesslich entschied ich mich für das Erschlagen mit einem stumpfen Gegenstand. Das hat mir in den Kriminalromanen immer gut gefallen. Ein stumpfer Gegenstand, das kann vieles sein, es ist ein Ausdruck, der Bilder von einer vagen Gefährlichkeit, aber auch einer beruhigenden Anonymität evoziert.
Problem Nummer zwei: Mit welchem stumpfen Gegenstand? Ich erinnerte mich an eine Kriminalgeschichte, in der eine Frau ihren Mann mit einer tiefgefrorenen Lammkeule erschlägt, die dann im Backofen weich vor sich hinbrutzelt, während die Polizisten die Wohnung nach einem passenden stumpfen Gegenstand absuchen. In einem anderen Roman schraubt der Täter aus einem Messingbettgestell eine Verzierung, eine Messingkugel heraus, die er nach getaner Arbeit gelassen wieder hineinschraubt. Ich besass kein Messingbett mit massiven Verzierungen, sondern nur eine einfache, schmale Liege mit elastischem Lattenrost. Ich hatte sie mir nach der Scheidung gekauft und unser Ehebett vom Brockenhaus abholen lassen; auch mein Mann hatte – aus naheliegenden Gründen – kein Interesse daran. Ich trieb mich ratlos in Warenhäusern, Do-it-yourself-Shops, (hier konnte ich mich einer geheimen Belustigung nicht erwehren) und Sportgeschäften herum und entschied mich schliesslich für einen einfachen Hammer.
Schritt Nummer drei bestand in der Auskundschaftung des Opfers. Hier griff ich zu einer List. Fritz und ich pflegten einen losen telefonischen Kontakt. So alle paar Monate einmal rief er mich an, fragte, wie es mir ginge, erzählte so dies und das, Belanglosigkeiten aus seinem Alltag. Diese Gespräche waren meistens eher kurz, da ich keine besondere Lust hatte, mir Belanglosigkeiten aus seinem Alltag anzuhören. Aber nun sagte ich mir, weshalb nicht einmal zum Hörer greifen und, die Konversation unauffällig steuernd, ganze bestimmte, für mich nun höchst interessante Belanglosigkeiten abhören? Ich erwischte ihn in einem günstigen Moment. Seine Frau war weg, in einem Italienischkurs, den sie, so hörte ich mit Wohlgefallen, jeden Donnerstag von acht bis zehn Uhr abends besuchte. Mehr brauchte ich nicht.
Nun wurde es langsam ernst. Am nächsten Donnerstag Abend checkte ich die Situation vor Ort, dann ging es an die Detailplanung. Ich beschloss, mich als traditionelle Türkin zu verkleiden mit langem Regenmantel und Kopftuch. Beides kaufte ich in einem Warenhaus, das auf diese Art von Kleidern spezialisiert war. Das würde mich unkenntlich machen, und Fritz‘ Frau würde sich garantiert nicht bedroht fühlen und davonrennen, wenn ihr in der Unterführung eine Türkin folgte.
Ich geriet in jenen Tagen in einen eigenartigen Zustand von höchster Konzentriertheit. Im Büro tat ich mechanisch meine Arbeit, aber innerlich war ich stets bei meinem Vorhaben. Meine übliche Unsicherheit, überhaupt alles Gefühlsmässige, war weg, nur das logische Denken war da, kühl checkte ich Details und Eventualitäten ab.
Dann war der Tag da. Kurz nach zehn Uhr war ich auf dem Posten. Einige Minuten später sah ich mein Opfer kommen. Ich näherte mich aus einer Seitenstrasse und achtete darauf, dass die Frau mich – und damit meine Harmlosigkeit – bemerkte. Es klappte. Hinter ihr hergehend, den Hammer fest in der rechten Hand, beschleunigte ich in der Unterführung, schloss auf und schlug zu. Ohne einen Ton von sich zu geben, brach sie zusammen, und ich ging ruhig weiter, tauchte aus der Unterführung auf, entsorgte den Hammer in einem Abfallsack, den ich fest zuband und in einen Container warf und ging nach Hause. Ich wusste, dass ich den wichtigsten Teil geschafft hatte. Alles war nach Plan verlaufen, keine Störung von aussen hatte mein Unternehmen durchkreuzt, und ich hatte die Nerven bewahrt. Nun hiess es abwarten.
Würde ich befragt werden, in Verdacht geraten? Hatte ich irgendwelche Spuren zurückgelassen? Ich glaubte es nicht. Den Regenmantel, das Kopftuch und die Schuhe warf ich am nächsten Tag in getrennten Tüten mit anderen alten Kleidern, die ich für diesen Zweck im Brockenhaus gekauft hatte, in Kleidersammelcontainern ein. Die Türkin und ich hatten keinerlei Ähnlichkeit miteinander.
Sie wurde erst spät gefunden, gegen drei Uhr morgens, wie es in den Morgennachrichten des Lokalradios hiess. Von einer türkischen Frau war nicht die Rede. Ich wunderte mich etwas, dass Fritz sich nicht schon viel früher Sorgen um sie gemacht hatte. Um zwei hatte er eine Vermisstenmeldung aufgegeben, und die Polizei war ihren Weg von der Sprachschule bis nach Hause abgegangen. Diese Meldung klang für mich ganz gut, aber es hiess weiter abwarten. Die Polizei sagt den Medien oft nicht alles, sondern verschweigt gerade die interessantesten Dinge.
Am nächsten Tag rief Fritz an. Ich reagierte schockiert und ungläubig. Was, seine Frau war das gewesen? Entsetzlich! Ja, entsetzlich, aber er schien mir nicht ganz bei der Sache zu sein. Er druckste ein wenig herum, dann fragte er, ob wir uns treffen könnten. Er müsse sich aussprechen, sagte er ein wenig unsicher. Nein, nicht in einem Café. Ob er zu mir kommen könnte? Es war mir nicht ganz recht. Plötzlich geriet ich da in eine Verbindung zu dem Mord, und ich fragte mich, ob ich nach der Tat gleich hätte auf eine Städtereise nach Rom oder Helsinki gehen sollen.
Er kam um halb neun, zum Abendessen hatte ich ihn nicht einladen wollen. Ich stellte Sherry auf. Er war von der Polizei befragt worden. Verschiedenes erschien ihnen ungereimt. Warum war die Frau erschlagen worden, fragten sie sich. Ein Raubmord war es nicht gewesen, ein Drogensüchtiger als Täter schied aus. Auch für ein Sexualdelikt gab es keine Anhaltspunkte. Wo er denn an jenem Abend gewesen sei, hatten sie Fritz gefragt. Und warum er erst so spät gemeldet habe, dass seine Frau vermisst sei. Es dauerte eine Stunde, bis die Geschichte draussen war. Fritz betrog seine Frau, (was ich, wie ich zugebe, nicht ungern hörte), er hatte eine Freundin. Das aber wollte er der Polizei unbedingt verheimlichen, denn die Freundin war schwanger von Fritz und wollte, dass er sie heiratete. Fritz aber wollte sich nicht scheiden lassen, seine Frau hatte ein hübsches kleines Vermögen, (sieh an, dachte ich, das hatte er mir verschwiegen), und das wollte er eigentlich nicht eintauschen gegen ein schreiendes Baby, das Geld kostete. Fritz war nicht blöd, (nicht ganz blöd, jedenfalls), ihm war rasch klar, welche Schlüsse die Ermittlungsbehörde aus dieser unkomfortablen Konstellation ziehen würde. An dem Abend war er in ein paar Spielsalons und Bars herumgehängt und hatte seine Probleme ertränkt. Allein. Dass die Freundin schwanger war, wusste er erst seit einer Woche.
Und nun rutschte Fritz unbehaglich auf meinem Sofa hin und her. Ich wusste, was kommen würde. Ich bin nämlich auch nicht blöd. Ein Alibi wollte er von mir. Ausgerechnet von mir. Gut, wenn ich es ihm gäbe, wäre das auch ein Alibi für mich. Aber gleichzeitig könnte es mich auch verdächtig machen. Was, wenn es aufflog? Wie hätte ich meine Motivation, ihn zu decken, erklären können? Mitleid? Nicht bei einem Mordfall, nicht für einen Mann, der mich drei Jahre zuvor verlassen hatte. Für diese Frau. Nein, das war mir zu riskant. Das war nie Bestandteil meines Plans gewesen.
Ich sah Fritz in die bittenden Augen und schüttelte langsam den Kopf.
„Du nimmst doch nicht etwa an, ich hätte es getan?“ fragte er mit erstickter Stimme.
„Ich habe ein Alibi“, beteuerte er.
„Ich kann keinen Meineid auf mich nehmen“, sagte ich tugendhaft. „Wie kann sich die Wahrheit herausstellen, wenn du mit einer Lüge beginnst?“
„Ich habe mit diesem Mord überhaupt nichts zu tun!“, begehrte er auf. „Ob ich hier lüge oder nicht, spielt nicht die geringste Rolle.“
Ich schwieg.
„Ich weiss, es war nicht in Ordnung, wie ich mich dir gegenüber benommen habe vor drei Jahren“, begann er sich selbst anzuklagen, „aber du kannst doch deswegen nicht wollen, dass ich wegen Mordes verurteilt werde.“
„Wieso gibt nicht deine Freundin dir ein Alibi?“ fragte ich.
Leider hatte sie an dem Abend Besuch gehabt von ihrer Schwester. Wirklich Pech. Und da war halt ich ihm eingefallen, und dass wir uns doch immer so gut verstanden hatten. Ausser dass er mich verlassen hatte. Wegen dem Geld, das er erben würde, stotterte er, er würde sich natürlich erkenntlich –
„Das Beste ist, du gehst jetzt nach Hause“, beschied ich ihm freundlich, aber bestimmt.
Hinterher sass ich ein Weilchen allein in meiner Stube, nippte an einem Sherry – ich hatte den Abend über nur Orangensaft getrunken – und liess mir durch den Kopf gehen, wie wunderbar sich alles fügte.
Fritz wurde verhaftet. In den Bars konnte sich niemand an ihn erinnern. Er ist – wie ich – von unauffälligem Äusseren, ein Typ, der gerne übersehen wird. Dass er die Geschichte mit seiner schwangeren Freundin verheimlichte, bis die Polizei sie selber entdeckte, sprach nicht für ihn.
Auch ich, als seine Ex-Frau, (wie ich diesen Ausdruck hasse), wurde befragt. Was er für eine Persönlichkeit gewesen sei? Ob ich gelegentlich Angst vor ihm gehabt hätte? Ich sprach nicht schlecht über Fritz, musste aber, der Wahrheit verpflichtet, doch jenen Abend erwähnen, an dem er mich hatte dazu bewegen wollen, ihm ein falsches Alibi zu geben und mich dafür zu bezahlen. „Aus Verzweiflung natürlich“, wie ich begütigend anmerkte. Auch das sprach ganz und gar nicht für Fritz.
Am Tag nach seiner Verurteilung buchte ich last minute eine Städtereise nach Lissabon. Während Fritz seine neue Zelle bezog, man hatte ihn vom Bezirksgefängnis in die Strafanstalt überführt, sass ich in einer kleinen Bar, nippte an einem Sherry und schaute auf das Altstadtgässchen hinaus. Ich war zufrieden mit mir: Ich hatte wirklich sehr, sehr gut gearbeitet.