Textprobe aus "Satzfetzen"

  
Isabel Morf

 

Streiff stand fröstelnd auf den Holzplanken des Schanzengrabens. Der Schanzengraben ist ein Fußweg, der direkt den Sihlkanal entlangführt. Man steigt von der Gessnerbrücke ein paar Stufen hinunter und findet sich auf einem idyllischen Spazierweg, links das Wasser, rechts Bäume und Holzbänke, auf denen im Sommer Leute lesen oder picknicken, den Vögeln Brosamen hinwerfen und wo Liebespaare sich küssen. Ganz nahe beim lauten, hektischen Stadtzentrum eine Oase, die aus der Stadt herausgefallen zu sein scheint, ein fast verwunschener Ort. An einem frühen Novembermorgen war der Ort keine Idylle. Es war noch dunkel. Streiff beugte sich zu dem regungslosen dunklen Bündel Mensch hinunter. Tot, kein Zweifel. Eine Frau. Kurze dunkle, leicht gewellte Haare, eher klein, trug einen wadenlangen Rock und eine taillenlange Daunenjacke. Ein früher Jogger hatte morgens um 5.30 Uhr die Leiche gefunden und die Polizei angerufen. Der Notarzt hatte nur noch ihren Tod feststellen können. Die beiden Polizeibeamten,
die hergefahren waren, hatten protokolliert, dass sie eine Stichwunde im Rücken hatte. Also kein natürlicher Tod, kein Unfall, kein Suizid. Und so stand jetzt gegen 6.30 Uhr Streiff da. Einige Stunden vorher war er mit Valerie kaum 200 Meter entfernt an der Stelle vorbeigegangen. Ob die Frau da schon tot gewesen war? Streiff drehte den leblosen Körper, er wollte das Gesicht sehen. Sein Blick wurde starr. Das war doch – ja, das war...

Wer wohl? Lesen Sie weiter im Buch!