Streiff sah sich im Lokal um. Er musterte Valeries Angestellte. Leute, die dieser durchdringende Blick traf, fühlten sich oft eingeschüchtert, sie hielten ihn für einen scharfen Hund, der einen sofort verdächtigte. Sie täuschten sich. Der Grund für Streiffs Art, Menschen anzuschauen, lag darin,dass er unter einer milden Form von Prosopagnosie litt. Er hatte Mühe, Gesichter wiederzuerkennen. Nicht immer, es betraf lediglich vereinzelte Leute, die er nur flüchtig kannte. Aber in seinem Beruf konnte er sich das nicht leisten. Es mochte angehen, wenn entfernte Bekannte ihn für arrogant oder bestenfalls für zerstreut hielten, aber bei der Arbeit war das ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Prosopagnosie war sein bestgehütetes Geheimnis und er versuchte, seine Schwäche zu überwinden, indem er sich dazu zwang, neue Gesichter buchstäblich auswendig zu lernen, sich bewusst einzelne Merkmale einzuprägen.
Das ging recht gut, seit er überhaupt wusste, dass da in seinem Gehirn irgendeine kleine Schaltstelle nicht problemlos funktionierte. Vorher war er einfach immer wieder unvorbereitet in eine peinliche Situation hineingeraten, wenn etwa auf einem Fest oder – noch schlimmer – an einer Bushaltestelle irgendeine ihm völlig fremde Person ein Gespräch mit ihm angefangen hatte, die ihn bei seinem Namen nannte und dies und das von ihm wusste, während er nicht die leiseste Ahnung hatte, wer sein Gegenüber war. Er hatte sich jeweils mit Gemeinplätzen durchgemogelt und sich krampfhaft bemüht, aus dem Gesprächszusammenhang zu erschließen, wer die Person sein könnte.
Nicht einfacher machte es der Umstand, dass er den meisten Leuten in Erinnerung blieb. Er war mittelgroß und kräftig und fast alle schätzten ihn größer, als er war. Auffallend war sein roter Haarschopf, in den neuerdings etwas Grau hineinspielte. Streiff hatte aber nicht die helle Haut und die blonden Wimpern der meisten Rothaarigen, sondern war gebräunt, und seine Augen waren blau. In puncto Wiedererkennung hatten die anderen also schon wegen seines Äußeren die besseren Karten. Die Erkenntnis, was mit seiner Wahrnehmung nicht stimmte, hatte ein Zeitungsartikel gebracht, auf den er zufällig gestoßen war. Aha. Prosopagnosie hieß das. Seither lebte er besser mit dieser Schwäche, konnte sie einigermaßen kompensieren, und er bezahlte gerne den geringen Preis, dass Leute ihn anfangs wegen seines Blicks unsympathisch fanden.
Er war erschrocken, als man ihm als Tatort FahrGut genannt hatte. Aber er hatte keinen Moment daran gedacht, den Fall an einen Kollegen abzugeben. Niemand wusste davon, dass Valerie Gut und er sich früher näher gekannt hatten.
Er berührte Valerie, die bei der Hintertür stand und auf den Hof hinausstarrte, am Ärmel. »Es tut mir leid, was da geschehen ist. Kanntest du den Toten?«